„Mocki“ und Simon Boch holen sich DM-Titel

15.05.2017 | Von val
„Mocki“ und Simon Boch holen sich DM-Titel
Events
0

 

Die Leichtathletik kann so faszinierend und spektakulär sein. Dabei werden die Langstrecken von vielen immer noch als langweilig und nebensächlich abgetan. Das diese Anschauung oft falsch und mitunter auch gänzlich daneben ist, wurde einmal mehr bei den Deutschen 10.000 m-Meisterschaften im sächsischen Bautzen offenkundig.  Leider verfolgten nur knapp 150 Leichtathletikfreunde die Finalläufe der Frauen, Männer, Jugendlichen und Senioren.

Von Jörg Valentin (Text und Fotos)

Denn was kaum einer erwartet hatte, wurde im „Schmuckkästchen Müllerwiese“ der mittelalterlich geprägten Lausitzstadt an der Spree überdeutlich. Die Bahnlangstrecke lebt. Und wie sie lebt. Gerade beim abschließenden Finale der Männer, Junioren und Jugendlichen wurde spannender Laufsport der Extraklasse geboten. Wie der Regensburger Simon Boch (29:13,60 min) nach einer aufsehenerregenden Aufholjagd den schon weit enteilten Amanal Petros (SV Brackwede/29:15,62 min/1.U23) mit einer 56er-Schlußrunde noch den schon sicher geglaubten Sieg entriss, das hatte schon etwas Sensationelles. Und wäre die Strecke noch etwas länger gewesen, dann wäre auch noch der im Intercity-Tempo heranbrausende Sebastian Reinwand (ART Düsseldorf/29:16,50 min) an dem auf volles Risiko setzenden gebürtigen Äthiopier Petros vorbei geprescht. Der konnte sich ebenso wie auch Tobias Blum (LC Rehlingen/29:32 min/2.U23) über eine neue Bestzeit sowie über die sichere Junioren-EM-Qualifikation für Bydgoszcz/Polen vom 13.-16.7.2017 freuen. „Die Quali war mein erstes Ziel. Da musste ich einiges investieren. Klar will man, wenn man vorne liegt auch gewinnen, aber ich kann mit Platz 2 gut leben“, ließ sich ein keineswegs enttäuschter Petros entlocken. Kaum seine Freude in Worte fassen konnte dagegen Simon Boch. Der Schützling von Regensburgs Erfolgstrainer Kurt Ring konnte nach Jahren der Stagnation eine fulminante Renaissance auf die Rundbahn des „Stadion Müllerwiese“ bringen. „Ich bin hin und weg. Als Amanal schwächelte habe ich an meine Chance geglaubt und diese beim Schopfe gefasst. Ich bin unendlich glücklich“.

Stolzer Sieger bei den Männern: Simon Boch (LG Telis Finanz Regensburg)

Stolzer Sieger bei den Männern: Simon Boch (LG Telis Finanz Regensburg)

Überhaupt purzelten an diesem milden und fast windstillen Frühlingsabend in Bautzen die Bestzeiten reihenweise. Gleich 11-mal blieben die Uhren unter der magischen 30-Minuten-Marke stehen. Das kann sich wahrlich sehen lassen.

Feierten in Bautzen ein grandioses Mannschaftsergebnis: Die LG Telis Finanz Regensburg) mit Erfolgstrainer Kurt Ring (2.v.links), ganz links Jugend-Meisterin Miriam Dattke. Weiter im Bild: DM-Meister Simon Boch (1./29:13,60 min), Jonas Koller (7./29:40,37 min) und Tim Cherif Ramdane (10./29:43, 43 min)

Feierten in Bautzen ein grandioses Mannschaftsergebnis: Die LG Telis Finanz Regensburg) mit Erfolgstrainer Kurt Ring (2.v.links), ganz links Jugend-Meisterin Miriam Dattke. Weiter im Bild: DM-Meister Simon Boch (1./29:13,60 min), Jonas Koller (7./29:40,37 min) und Tim Cherif Ramdane (10./29:43, 43 min)

Bewährt hat sich die vor zwei Jahren in Ohrdruf eingeführte Integration der U20 in den Wettkampf der Männer und Junioren. Hier holte sich der Steffen Ulmrich die DM-Krone in 31:21,78 min. Der Mannheimer wurde damit Nachfolger von David Valentin (LG Olympia Dortmund), der eine Altersklasse aufrückte und dort in 30:57,64 min Fünfter wurde. Auf Platz zwei bei der Männlichen Jugend landete Julius Hild (SSC Hanau-Rodenbach/31:58,16 min) vor Lukas Lembcke (Kali Wolmirstedt).

Vor dem Männer-Finale waren die Frauen und Juniorinnen gefordert. Dort hatte man mit Spannung und einer Portion Vorfreude auf das Duell Alt gegen Jung gehofft. Die Herausfordererin Alina Reh (SSV Ulm) gegen die ewig junge Sabrina „Mocki“ Mockenhaupt (LT Haspa Marathon Hamburg). Aber einen richtigen Zweikampf an der Spitze gab es nur knapp 2.000 m. Dann ein lauter Schrei und Reh lag im Innenraum des Stadionovals am Boden. Was war passiert? Eine Muskelverletzung, so die erste Vermutung der geschockten Zuschauer. Nach Minuten des Ungewissen konnte Alina Rehs-Trainer Jürgen Austin-Kerl eine erste Entwarnung geben: „Bei Alina hat der Oberschenkel dichtgemacht und der Krampf machte eine Fortsetzung des Rennens unmöglich“. So wie es derzeit aussieht kann die Nachwuchshoffnung weiter in Richtung WM in London planen. Verletzungspech auf der einen Seite, Glückseligkeit auf der anderen. Ohne den Zweikampf an der Spitze war der Weg für „Mocki“ frei für ihren nun mehr 44.DM-Meistertitel in der Leichtathletik. Ohne ernsthaft gefordert zu werden, kreiste der gebürtige Siegerländerin um die Bautzener Rundbahn und gewann souverän in 33.08,42 min vor der zur Langstrecke übergewechselten Corina Harrer (LG Telis Finanz Regensburg/34:12,64 min). Auf Platz drei landete mit Thea Heim (34:34,75 min) eine weitere Starterin aus der Trainingsgruppe von Kurt Ring. „Eine Erkältung im Vorfeld der Meisterschaften hatte mich zurückgeworfen. Ich bin aber froh, dass ich mich trotz des gesundheitlichen Handicaps für den Start entschieden habe“, freute sich die Thea Heim spitzbübisch über ihre Bronzemedaille.  Den Juniorinnen-Titel holte sich mit einer couragierten Vorstellung die Friedrichshafenerin Karin Reischmann in 35:09,29 min vor Marina Rappold von der LG Sempt (35:39,13 min).

Lauf der Frauen: Vorne die spätere DM-Titelträgerin Sabrina „Mocki“ Mockenhaupt dahinter die verletzt ausgeschiedene Alina Reh.

Lauf der Frauen: Vorne die spätere DM-Titelträgerin Sabrina „Mocki“ Mockenhaupt dahinter die verletzt ausgeschiedene Alina Reh.

Begonnen hatten die Meisterschaften in Bautzen mit den Läufen der Seniorinnen und Senioren. In den Altersklassen der W70/W65/W60 und W55 setzten sich durchweg die Favoritinnen durch. Anja Ritschel (TV Waldstraße Wiesbaden/51:14,06 min) vor Marion Rother (LSF Münster/55:37,67 min) so lautete der erwartete Zieleinlauf bei den ältesten Teilnehmerinnen. In der W65 setzte sich Margret Göttnauer gegen Gudrun Vogl durch. Am Erfolg von Gerlinde Kolesa (MTV Ingolstadt) in 44:29,66 min gab es zu keiner Zeit Zweifel. Ebenso unangefochten kam in der W55 die Münsteranerin Delia Krell-Witte in einer Zeit von 43:49,81 min zu Meisterehren. In den jüngeren Altersklassen waren die Starterfelder dünn gesät. So konnte die nachgemeldete Julia Galuschka (LG Telis Finanz Regensburg) in der W35 zu einem Sololauf zum Titelgewinn starten. Die starke Marathonläuferin aus dem Süden ließ sich denn auch nicht zweimal bitten und lief in 38:22,79 ins Ziel. Schneller als Julia Galuschka in dem gemeinsamen Rennen war nur noch die Siegerin der W40, Cornelia Schindler. Die Berlinerin benötigte für die 25-Runden 36:44,62 min. Die wohl beste Leistung bei den Seniorinnen an diesem Tag. Schnellste Masterathletin in der W50 war die Waldnielerin Alexandra Schwartze mit ihrer respektablen Zeit von 40:47,65 min. In der Altersklasse W45 hatte sich erst gar keine Läuferin dem Starter gestellt. In Bautzen wurden von den Teilnehmerinnen im Gegensatz zur EM oder WM Qualifikationsnormen gefordert. Vielleicht sollte man beim DLV überlegen die Meisterschaften analog zu den internationalen Titelkämpfen für alle Senioren, besonders in den höheren Altersklassen, zu öffnen und die Normen gänzlich abschaffen.

Siegerehrung der M 70: v.l.n.r.: 2.Dieter Kollhammer (Marathonia Berlin), 1.Wolfgang Nehring (VfL Ostelsheim) und 3. Edmund Schlenker (VfL Ostelsheim)

Siegerehrung der M 70: v.l.n.r.: 2.Dieter Kollhammer (Marathonia Berlin), 1.Wolfgang Nehring (VfL Ostelsheim) und 3. Edmund Schlenker (VfL Ostelsheim)

Kaum mehr Teilnehmer hatten sich bei den Senioren in den verschiedenen Altersklassen gemeldet. Da mutet es schon fast außergewöhnlich an, das sogar mit Georg Dähne ein Athlet des Jahrgangs 1931 die Reise von Neubrandung in die Lausitz auf sich genommen hatte. Mit  seiner Zeit von 1:01:27,90 min war der rüstige Läufer natürlich konkurrenzlos unterwegs. Spannend war der Titelkampf in der M80. Hier konnte sich nach einer Energieleistung Armin Zosel (TSV Radeburg/58:08,14 min) gegen seinen Mitstreiter Siegfried Willweber (OSC Löbau/58:21,11 min) knapp behaupten. Günter Werrmann in der M75 in 49:58,66 min und Wolfgang Nehring in der M70 (VfL Ostelsheim/42:11,67 min) waren ungefährdet. Zu sicheren Meisterehren kamen in der M65 und in der M60 die favorisierten Dr. Klaus Goldammer (OSC Berlin/39:42,00 min) und Richard Przybyla (LAZ Obernburg-Miltenberg/37:23,59 min) Bei den Finals der jüngeren Altersklassen sorgte der Spergauer Fabian Borggrefe in 32:20,36 min für den Ausreißer nach oben. Der M45-Starter lief allen Teilnehmern, auch den deutlich Jüngeren, auf und davon und war der mit Abstand der schnellste Senior auf der Rundbahn. Da konnten mit Abstand nur noch der taktisch klug laufende neue M35-Meister Karsten Kruck (ASV Duisburg/32:49,89 min) und der M40-Meister von Bautzen 2017, Matthias Weippert (TC Fiko Rostock/32:57 min) mithalten. An Hardy Flums Erfolg in der M50 (LG Hohenfels) und am Sieg von Uwe Merdon (Citylauf-Verein Dresden/M55) gab es schon im Vorfeld kaum Zweifel.

Die drei Schnellsten im Lauf der jüngeren Altersklassen: v.l.n.r.: Karsten Kruck (1.M35/ASV Duisburg), Fabian Borggrefe (1.M45/SV Spergau), Matthias Weippert (1.M40/ Fiko Rostock)

Die drei Schnellsten im Lauf der jüngeren Altersklassen: v.l.n.r.: Karsten Kruck (1.M35/ASV Duisburg), Fabian Borggrefe (1.M45/SV Spergau), Matthias Weippert (1.M40/ Fiko Rostock)

Fazit: Der Ostsächsische Leichtathletikverein Bautzen und der Sächsische Leichtathletikverband hatten im Vorfeld der Meisterschaften ganze Arbeit geleistet. Die Ausrichter der DM 10.000 m überzeugten einmal mehr mit Professionalität, Kompetenz und Gastfreundschaft. Die Läuferinnen und Läufer fühlten sich im „Sportpark Müllerwiese“ bestens aufgehoben. Selbst ein kleiner Fauxpas ganz am Ende der Veranstaltung bei der Ergebnisauswertung des abschließenden Männerlaufes konnte die Stimmung nicht trüben. Diese Langstreckenmeisterschaften hätten mehr Zuschauer als auch ein Mehr an Teilnehmer verdient gehabt. Konnte man mit den Meldungen bei den Aktiven der Jugendlichen und der Hauptklasse noch zufrieden sein, kann man die Bilanz bei den Seniorinnen und Senioren schon als ernüchternd beschreiben. Nur knapp die Hälfte der Masterathleten, die noch im vergangenen Jahr den Weg in das niedersächsische Celle gefunden hatten, konnten nun in der Lausitz begrüßt werden. Eine Ursache kann da sicherlich die mitunter lange und zeitintensive Anreise in den äußersten östlichen Zipfel der Republik spielen. Aber das kann nicht alleine für den Teilnehmerschwund verantwortlich sein. Es ist wieder mal an der Zeit, dass der DLV seine Konzeption und Teilnahmekriterien überprüft. Denn nur mit neuen, frischen Ideen wird man wieder mehr Läuferinnen und Läufer für die „langen Kanten“ auf der Bahn begeistern können.

 

 

 

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Durch das Fortsetzen der Benutzung dieser Seite, stimmst du der Benutzung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen", um Ihnen das beste Surferlebnis möglich zu geben. Wenn Sie diese Website ohne Änderung Ihrer Cookie-Einstellungen zu verwenden fortzufahren, oder klicken Sie auf "Akzeptieren" unten, dann erklären Sie sich mit diesen.

Schließen